Gedanken zur Jahreslosung 2022

Jahreslosung 2022 Felger
Bildrechte: Andreas Felger

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Die Bibel, Johannesevangelium 6, 37

Gedanken von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD

Andreas Felgers Illustration der Jahreslosung zieht den Blick des Betrachters direkt ins Zentrum. Wie ein Licht am Ende eines Tunnels leuchtet es weiß in der Farbe Christi. Davor erscheint in zarten Linien sein Kreuz, das Himmel und Erde, links und rechts, verbindet.

Zwei Bewegungen fallen mir ins Auge: Die eine geht aus der Bildmitte heraus und kommt auf mich zu. Ein helles Licht, das sich den Weg bahnt. Die linke Bildhälfte füllt es bereits fast vollständig mit seinen Gelb- und Rottönen aus. Die rechte Seite wird noch vom dunkleren Blau bestimmt. Aber der schroffe Farbgegensatz löst sich schon auf. Die Linien des Kreuzes wirken wie „Lichtinjektionen“ ins Dunkle. Auch an den Übergängen des Farbkreises leuchtet das warme Gelb schon ins Blau hinein. Dieses Licht will überall sein! Die andere Bewegung geht vom linken unteren Bildviertel aus. Noch deutet sie sich nur an, noch bleibt sie eine Möglichkeit. Die schemenhaften Gestalten stehen da, staunend vielleicht, zögerlich, abwartend, aber sichtlich von dem Licht angezogen, das ihnen entgegen leuchtet. Das Dunkel weicht von ihnen, das Licht erwärmt schon ihre Körper. Das gilt auch für die, die ganz am Rand stehen.

Aber noch gibt es das viele Dunkel drumherum. So als wäre dieses Licht nur eine Einbildung, so als gäbe es dieses Licht nur in unseren Träumen. Vielleicht fühlen wir uns zu sehr von den Zweifeln, von den Fragen und von der erlebten Ohnmacht zurückgehalten und bleiben nun zögernd vor dem Licht stehen. Wir würden gerne einen Schritt weiter tun, aber sind wir willkommen?

Ich sehe zwei Bewegungen, die zueinander finden werden. Eine große Verheißung liegt in diesem Bild. Vielleicht wird es so sein, wie Jesus es im Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt: Nur vorsichtig, voller Schuldgefühle nähert sich der Sohn dem Haus des Vaters. Wie wird dieser ihn empfangen? Wird er ihn vom Hof jagen? Verdient hätte er es. Doch das Licht bahnt sich seinen Weg: Der Vater hält schon Ausschau nach seinem Jüngsten, sieht ihn und läuft ihm mit weit ausgebreiteten Armen entgegen. Wag es, komm näher, ich bin schon auf dem Weg zu Dir, du bist hier willkommen! „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen!“ Im Johannesevangelium ist diese Verheißung eng mit der Frage nach dem Ewigen Leben verknüpft. Was hier und jetzt gilt, wird auch weiterhin Bestand haben: Wir sind sogar über unser irdisches Leben hinaus bei Gott willkommen! Immer!

Die Jahreslosung 2022 ist ein starkes Wort, das unseren Blick fokussiert und auf die unerschütterliche Liebe Gottes richtet. Keiner kann sie uns so nahebringen wie Jesus Christus. Wie sehr wir uns nach diesem Licht sehnen und welch orientierende und tröstende Kraft es entfaltet, findet in der diesjährigen Ausgestaltung der Jahreslosung durch Andreas Felger einen geradezu fühlbaren Ausdruck. Der Beginn des neuen Jahres ist ein guter Anlass, sich wieder auf die Mitte zu besinnen und sich in Bewegung zu setzen.

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD